Kromfohrländer vom Hamburger Elbstrand
 

Ein kleiner Ausflug in die Genetik

Wir zitieren erneut Dr. Irene Sommerfeld-Stur, hier aus ihrem Buch "Rassehunde-Zucht - Genetik für Züchter und Halter":

"Viele Hunderassen sind mit mehreren Erkrankungen zum Teil in so hoher Frequenz belastet, dass kaum mehr wirklich gesunde Hunde zur Zucht zur Verfügung stehen (...). Es sind vor allem die Züchter selbst, die diese Häufung von Erkrankungen zu verantworten haben. Falsche Zuchtstrategien und Unkenntnis bzw. Missachtung populationsgenetischer Zusammenhänge sorgen dafür, dass Defekte sich weitgehend ungehindert in den Populationen ausbreiten können. Linienzucht, übermäßiger Einsatz einzelner Rüden und falsche Selektionsprioritäten sind die Werkzeuge, die die Verbreitung genetisch bedingter Erkrankungen unterstützen.

Das größte Problem ist aber die völlig unzureichende Transparenz, was den Informationsfluss über das Auftreten von Erkrankungen betrifft. Krankheiten in der eigenen Linie werden verschwiegen, und selbst Krankheiten, die bei anderen Züchtern der gleichen Rasse auftreten, werden nach Möglichkeit unter den Tisch gekehrt. Züchter, die offen über Krankheiten in ihrem Zwinger bzw. in der Rasse berichten, werden gemobbt und als Nestbeschmutzer geächtet. Daraus ergibt sich schließlich eine sehr hohe Dunkelziffer für genetische Defekte, die vor allem eine rechtzeitige Bekämpfung erschwert bzw. unmöglich macht. Erbfehler zeigen in diesem Kontext Gemeinsamkeiten mit bösartigen Tumoren. Bekämpft man sie rechtzeitig und effektiv, kann man sie eliminieren. Wartet man zu lange, verbreiten sie sich und werden unheilbar. Das Ende ist das gleiche - der Tod, in diesem Fall der Tod einer Rasse."

"Die Forschung im Bereich der Molekulargenetik beim Hund hat in den letzten Jahren eine enorme Entwicklung hinter sich gebracht, die noch lange nicht am Ende ist. Speziell im Bereich der Abklärung bzw. Diagnose genetischer Defekte und Erkrankungen eröffnen sich dadurch sehr effiziente Möglichkeiten der züchterischen Bekämpfung. Ein entsprechender Erfolg setzt aber voraus, dass die vorhandenen Möglichkeiten auch genutzt werden und vor allem, dass sie sinnvoll und unter Berücksichtigung der jeweiligen Populationssitation eingesetzt werden."  (ein herzlicher Dank an Frau Dr. Sommerfeld-Stur für die Erlaubnis, sie auf unseren Seiten zu zitieren)

In diesem Sinne werden in unserem Zuchtverein ausnahmslos alle zur Zucht eingesetzten Hunde einem Gentest unterzogen. Die Entscheidung fiel hier auf das Labor Genoscoper in Finnland (MyDogDNA), das nicht nur nach den Genorten einzelner Krankheitsanlagen sucht, sondern das Erbgut der jeweiligen Hunde als Ganzes in Augenschein nimmt, natürlich unter Berücksichtigung der rassespezifischen Unterschiede. Die vergleichsweise übersichtlichen Kosten von 99,- € übernehmen die einzelnen Züchter bzw. bei externen Deckrüden der Verein. Ebenso werden seit einigen Jahren alle im Verein geborenen Welpen getestet. Ein Beispiel für einen solches Testergebnis finden Sie unten.

Zum besseren Verständnis ist es hilfreich zu wissen, dass Erbkrankheiten zu einem großen Teil rezessiv vererbt werden. Das heißt, dass ein Individuum eine Anlage von beiden Eltern erben muss, um ein Merkmal zu entwickeln. Wir bekommen all unsere Eigenschaften in je einer Ausführung vom Vater und von der Mutter vererbt. Nehmen wir als Beispiel bei unseren Hunden die Anlage für Kurz- oder Langhaarigkeit. Wir wissen, dass Kurzhaarigkeit sich dominant gegenüber Langhaarigkeit vererbt. Wenn wir uns unseren A-Wurf anschauen, steuert Doola (reinerbig langhaarig) zwei rezessive Anlagen für Langhaarigkeit (ll) bei und Jarl, der Deckrüde (reinerbig kurzhaarig), zwei dominante Anlagen für Kurzhaarigkeit (LL).

Wie zu erwarten war, sind alle ihre Kinder kurzhaarig im Phänotyp, also im Erscheinungsbild. Im Genotyp sind sie zu gleichen Teilen kurz- wie langhaarig, wir nennen das Ergebnis heterozygot (mischerbig) kurzhaarig (Ll), d.h. äußerlich sind sie kurzhaarig, können aber beide Anlagen an ihre Nachkommen weitergeben.



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 Für unserem C-Wurf ist nun Liesi, mischerbig kurzhaarig (Ll), mit Fimo, reinerbig langhaarig (ll) verpaart worden:


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Es ergab sich also eine Wahrscheinlichkeit von 50% Kurz- bzw. Langhaarigkeit. Wie wir wissen, ist dies lediglich eine Wahrscheinlichkeit, tatsächlich hatten wir 2 langhaarige und 4 kurzhaarige C-Welpen.


Bei der Vererbung von Gendefekten verhält es sich genau so. Liesi trägt z.B. die Anlage für Macrothrombocytopenie, einer Blutgerinnungsstörung. Sie selber kann daran nicht erkranken, da sie die Anlage nur von einem Elternteil bekommen hat. Wir mussten lediglich darauf achten, dass ihr Paarungspartner die Anlage nicht trägt, denn dann hätten wir eine 25%ige Wahrscheinlichkeit für eine Erkrankung bei ihren Nachkommen riskiert (Merkmalsträger). Das würde dann so aussehen (A steht hier für das anlagefreie Allel, a für das rezessive Krankheitsallel):


A

a

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AA (anlagefrei)

Aa (Anlageträger)

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Aa (Anlageträger)

aa (Merkmalsträger)

 

Wir hätten ohne Gentest also zwei gesunde Hunde verpaaren können, deren Nachkommen eine 25%igen Wahrscheinlichkeit auf Erkrankung gehabt hätten. Da die Anlage für Macrothromocytopenie bei Kromfohrländern vergleichsweise selten vorkommt, war es unproblematisch, hier einen passenden anlagefreien Paarungspartner zu finden. Anders ist dies z.B. für "Hereditäre Fussballen-Hyperkeratose (HFH)", "Hereditären Katarakt (PHC)" und besonders für das "Von Willebrand Syndrom (vWD-Typ1)", ebenfalls einer Blutgerinnungsstörung. Wir selber haben das Glück, dass keine unserer Hündinnen diese Anlage vererbt. Jedoch lassen jüngste Untersuchungen befürchten, dass ca. 40% aller Kromfohrländer Anlageträger für dieses Syndrom sind. Eine Verpaarung ohne vorherigen Gentest ist also als grob fahrlässig zu betrachten. Zögern Sie nicht, Ihren Züchter nach solchen Tests zu fragen. Wenn Sie bereits einen Hund haben, ist es hilfreich, ihn testen zu lassen und das Ergebnis Ihrem Züchter und dem entsprechenden Zuchtverband mitzuteilen. Das vWD ist nicht neu, jedoch konnte jetzt eine Genmutation (auch beim Kromfohrländer) damit in Zusammenhang gebracht werden, sehen Sie hier:

Von Willebrand Syndrom Typ 1
vWD-Typ1.pdf (33.67KB)
Von Willebrand Syndrom Typ 1
vWD-Typ1.pdf (33.67KB)

 

Aktuell (2018) läuft zu diesem Thema eine Studie in Zusammenarbeit mit dem Genlabor Feragen in Österreich, wir rechnen sehr bald mit weiteren Ergebnissen. Doola und Liesi haben als anlagefreie Hunde Referenzproben beigesteuert. Und weil wir schon mal dabei waren, haben wir auch gleich Blut in die TH Hannover und an die Universität Bern geschickt, hier laufen unter anderem Studien zum Thema Cystinurie.


Mit MyDogDNA wird neben HFH, PHC und vWD auf zahlreiche weitere Krankheitsanlagen wie z.B. die genetische Disposition für Gaumenspalte, Cystinurie (Typ I und II) sowie zahlreiche weitere Stoffwechsel-, Blut-, Herz-, Augen-, Nieren-, Skelett- und Hautstörungen, hormonelle, muskuläre und neurologische Disfunktionen, aber auch sonstige körperliche Merkmale (Größe, Farbe, Scheckung, Fellstruktur und -länge, Ohrenform etc.) getestet, wie hier am Beispiel von Liesis Gentest zu sehen:

DNA-Test Anneliese vom Hamburger Elbstrand
DNA-Test Liesi.pdf (196.8KB)
DNA-Test Anneliese vom Hamburger Elbstrand
DNA-Test Liesi.pdf (196.8KB)

 

 

 

All diese Untersuchungen können helfen, die Verbreitung vererbbarer Störungen, Krankheiten und Disfunktionen zu minimieren - WENN MAN DIESE MÖGLICHKEITEN AUCH NUTZT! 

Zu beachten ist, dass wir auf diese Weise keinen gesunden Hund garantieren können, denn es ist nicht für jede Erkrankung die verantwortliche Genmutation bekannt, oft sind mehrere beteiligt. Aber wir können und werden (nicht nur im Sinne des Tierschutzgesetzes) den größtmöglichen Beitrag dazu leisten. Dieser Gentest ist ein Schritt in diese Richtung, einen weiteren finden Sie unter Einkreuzprojekt

Tierschutzgesetz § 1: Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.

Die Zuchtordnung des VDH beinhaltet unter anderem Zuchtstrategien und ein Phasenprogramm zur Bekämpfung erblicher Krankheiten und Defekte, an dem wir uns ebenfalls orientieren, sehen Sie hier:

Auszug aus der VDH-Zuchtordnung
VDH-Zuchtmaßnahmen.pdf (135.06KB)
Auszug aus der VDH-Zuchtordnung
VDH-Zuchtmaßnahmen.pdf (135.06KB)